Galerie Lindengrün

 

JOHAN VAN MULLEM

BELGIEN - LEBT UND ARBEITET IN BRÜSSEL

 

JOHAN VAN MULLEM -  SANS TITRE - ENCRE SUR KADAPAK - 160 X 140 CM

 

SANS TITRE - ENCRE SUR KADAPAK
160 X 140 CM

 

Untypisch ist diese Laufbahn von Johan Van Mullem, der schon immer gezeichnet und gemalt hat, aber beschließt, mit seiner Arbeit erst dann an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn seine Studien seiner Ansicht nach eine gewisse Reife erlangt haben. Das ehrt diesen autodidaktischen Künstler. Diese Vorgangsweise könnte angesichts der tastenden Versuche, die uns zahlreiche Künstler in ihrer Laufbahn vorgeführt haben, geradezu als vorbildlich bezeichnet werden. Diese Reife in der Arbeit von Johan Van Mullem ist ganz offensichtlich, wenn man sie mit Arbeiten der letzten Jahre vergleicht. Die „Kraft der Malerei“ gewinnt hier ihren ganzen Sinn. 

 

Er zeigt uns eine Serie von „Portraits“ oder besser gesagt Interpretationen des menschlichen Antlitzes, denn die Personen stellen niemand Besonderen dar, sondern entstehen aus der Materie selbst und erlangen damit einen archetypischen, universellen Status. Man kann in diesen „Anti-Portraits“ eine ständige Suche nach dem Sinn des Menschseins sehen, eine tägliche und strukturierende künstlerische Praxis zur Einübung der Darstellung des menschlichen Antlitzes, die anscheinend seinem Leben als Künstler und darüber hinaus jenem des Menschen Sinn zu verleihen scheint. Die Notwendigkeit des Malens ist ganz offensichtlich, weit entfernt von jeder Strategie oder inzestuösen Reflexion über Kunst und ihre Geschichte.

 

Johan Van Mullem stellt sich dem „Problem“ des Portraits und der Inkarnation des Gesichts in aller Schärfe. Er gibt einer abstrakten Realität eine materielle und sinnliche Existenz. Die Gesamtheit dieser Gesichter gibt uns Anregung zu einer Reflexion über die Natur des Menschen und die Abgründe der Seele. Betrachtet man diese Galerie von „Portraits“, bemerkt man ganz deutlich, manchmal mit Schrecken, die wirklich verstörende Qualität des menschlichen Gesichts.

 

Die Auseinandersetzung mit den Bildern von Johan Van Mullem geschieht auf Erfahrungsebene. Die Figuren beobachten uns genauso wie wir sie ansehen und wir sehen in ihnen schließlich einen Teil unseres eigenen Spiegelbildes. Diese Gegenwart des Gesichts scheint jedoch manchmal zu verschwinden. Die Gesichter scheinen in der Materie aufzugehen und sich in ihr zu verlieren. Dieses Phänomen des gleichzeitigen Auftauchens und Verschwindens ist manchmal verstörend. Tatsächlich ist die Figur, die man ausnimmt, nur vom Maler zwischen zwei Momenten zum Erstarren gebracht worden, eine vom Firnis geschützte Gefangene ihrer eigenen Materialität. Seine Malerei kann als die Entwicklung einer, aus der Materie selbst hervorgegangene Abstraktionsform wahrgenommen werden. Das Antlitz1 geht aus der „Leere“ hervor, es baut sich auf aus Materie, durch die Neigungen eines Pinsels, der ständig seinen Weg sucht. Das Gesicht scheint sich auf autonome Weise aufzubauen, quasi durch Hinzufügung. Der Genuss an der Materie ist stets sichtbar und man teilt mit ihm die Triebhaftigkeit der Gestik und die Magie des In-Erscheinung-Tretens.

 

Johan Van Mullem geht wie ein Biologe vor. Es ist ihm die Sequenzierung des DNA, die das Sein konstituiert, gelungen und er entrollt in der Materialität der Malerei den Faden, der unsere fleischliche Umhüllung konstituiert, Spiegelbild oder Schutzwall der Persönlichkeit. Manchmal bestehen die Gesichter einzig aus einem vom Pinsel gezogenen Flechtwerk. Die einem Kalligraphen ähnliche Geste, schnitzt in einer eleganten und präzisen Linie das Volumen eines Gesichts, indem es die Farben über die Ebenheit der Leinwand ausbreitet. Heraufbeschwören eines Kokons, einer im Entstehen begriffenen versteckten oder in einer Schutzhülle verborgenen Persönlichkeit.

 

Im Gegensatz dazu zeigen andere Bilder eine konzentrierte, nervöse, zwanghaft aneinandergereihte Strichführung. Das Gesicht ist auf mühsame und schwerfällige Weise konstruiert, aber immer beseelt. Es evoziert die Wandlungen und Entwicklungen der Gefühle einer Person im Laufe ihrer Existenz. Ein Konzentrat des Lebens, von der Geburt bis zum Tod, durch eine breite Palette von Gefühlen hindurch: Fülle, Beklommenheit, Angst, Ekstase, Langeweile… Grundlegende Lebensgefühle, labile und wechselhafte. Evozierung ebenso des Wandels unserer fleischlichen Hülle, von der Jugend bis zum Alter, die Metamorphosen des Seins und des Anscheins. Die manchmal schmerzhaften und paradoxen Beziehungen von Leib und Seele.

 

Sind diese Personen nicht etwa gar die seismographische Wiedergabe des im Spiegel des Alltags reflektierten Künstlers selbst? Durch ihn finden wir wieder unsere Seelenzustände, die wirklichen oder fantasmierten. Ob sie uns erschrecken oder faszinieren, sie lösen jedenfalls stets etwas aus. Sie sind stets inkarniert. Und damit berührt Johan Van Mullem das Wesen dieser schwierigen, fast übertriebenen hoch bewerteten Aufgabe des Portraits in der Malerei. Er malt niemals die Oberfläche eines Gesichts, sondern vielmehr seine Tiefe, sein Wesen. Klar, beim Anblick der Bilder von Johan Van Mullem kann man nicht die Bezugnahme zur „klassischen“ Malerei vermeiden. Es ist genau dieses Gefühl, auch dieses bloß eine unbestimmte, flüchtige Intuition, die uns zu verstehen gibt, dass es sich hier um ein ganz gewiss originelles und authentisches Werk handelt. Ein in Blut getauchter Pinsel, der das Fleisch meißelt und die Seele entschleiert.